Liberté: Neues Album von Khaled

Still war es um Khaled, den König des Raï, seit „Ya Rayi“ 2004. Seither tourt er zwar durch die Welt, aber ein neues Album wurde immer wieder verschoben. „Liberté“ wurde nun von Martin Meissonnier produziert, wie Khaleds allererste Platte „Kutché“ 1988. Damals hatte Martina Zimmermann den Sänger in Paris kennen gelernt, war die erste deutsche Journalistin, die Khaled interviewte und in Deutschland über den Raï berichtete. Es folgten weitere Interviews und Begegnungen mit Khaled in Paris, Montreal (Kanada), Amman (Jordanien) und Oran in Algerien. Anlässlich des neuen Albums fand folgendes Interview in Paris statt.
Martina Zimmermann: Dein Album „Liberté“ lässt mein Herz dahinschmelzen, wie vor über 20 Jahren, als ich den Raï in einer Pariser Kneipe entdeckte und du dich noch Cheb nanntest [cheb=jung: Die Raisänger nannten sich Cheb im Gegensatz zu den bisher singenden Cheikh]
Khaled (lacht): Cheb, das ist vorbei, ich bin fast fünfzig und habe graue Haare (lacht). Für dieses Album wollte ich Martin Meissonnier, der mein erstes Album Kutché produziert hat. Ich hatte Demotapes und wußte nicht, in welche Richtung ich gehen soll. Ich war am Überlegen, ob ich Don Was, Philippe Eidel oder wen nehmen sollte. Fast wollte ich es allein machen. Dann traf ich Martin im Studio eines Freundes. Ich sagte, willst du ein neues Album mit mir machen? Er zögerte, wie es seine Art ist... Schließlich sagte er okay. Ich war froh. Er sagte dann, schmeiß dein Demotape weg! Ich hatte fast 30 Titel, und die wollte er nicht! Ich sagte, du willst meine Arbeit wegwerfen? Er sagte, heb sie auf für ein anderes Album. Er sagte, ich habe eine Idee, wir werden live aufnehmen. Ich sagte, du spinnst. Er sagte, du hast den Weg allein nicht gefunden.
Er sagte, du bist ein Mann der Bühne, so hab ich dich kennengelernt, mach es live, ich habe dich auf Hochzeiten singen hören! Ich sagte, Kutché war eine gute Erfahrung, ich folge dir.
MZ: Kutché ist heute Kult – unter Kennern.
Khaled: Das stimmt. Aber selbst Kutché hatten wir nicht live gemacht.
MZ: Aber das Repertoire und die Art zu singen ähneln...
Khaled: Nur Martin wußte, wie man meine Stimme zur Geltung bringen kann. Er wollte, daß die Stimme im Vordergrund steht. Alle meine anderen Alben waren Musik und Stimme im Verhältnis 50:50. Meine Stimme entdeckten die Leute erst auf Konzerten richtig. Aber was schlimm war: Wir machten das ohne Metronom! Er [Martin] sagte, sing wie du in deiner Heimat gesungen hast. Jazz! Um nicht durcheinanderzukommen, singe ich normal immer im Takt. Du zählst mit und weißt, wann du anfängst und wann du aufhörst zu singen. Aber da sagte er: Nein, du kriegst kein Metronom, du machst es einfach, die Band ist bereit im großen Studio Davout, singe! Ich sagte, aber wie werde ich das im Fernsehen machen, wenn ich dort einen Titel vortragen soll? Ich habe keine Lust, daneben zu singen. Soll ich nach Gehör singen oder nach dem Takt, Hilfe, ich werde Fehler machen (lacht). Er sagte, mach es wie du willst, aber mach es! Und dann wollte er auch noch die Intros!
MZ(lacht): Du kannst das doch! Tu doch nicht so, als ob du nicht improvisieren könntest, Khaled! Auf Konzerten machst du das immer...
Khaled: Seit ich in Frankreich einen Plattenvertrag habe, mache ich es wie alle Künstler hier: Nichts länger als vier Minuten!
MZ: Und auf dem neuen Album gibt es Titel, die sind acht Minuten lang.
Khaled: Du hast es kapiert. Ich hätte immer gerne Einleitungen gemacht, aber ich machte sie lieber auf Konzerten, weil da dafür Zeit war. Nicht auf einem Album. Ich sagte: Martin, das nimmt zuviel Zeit.
MZ: Aber jetzt gefällt dir das Album doch?!
Khaled: Klar. Aber du hast immer Angst, daß morgen ein Typ mein Album anhört und sagt, was macht Khaled da bloß? Ich hatte auch Angst, daß Europäer sich dem nicht anpassen. In meiner Heimat ist das kein Problem, da kann ein Lied eine Stunde lang sein, das stört niemand. Ich hatte Panik, ich hatte Angst davor, daß sie die Intros nicht mögen, daß das vielleicht zuviel ist.
MZ: Ich dachte vielmehr, daß sich über 20 Jahre nach „Kutché“ das Ohr des Europäers vielleicht entwickelt hat und daß man heute Lust hat, weniger formatierte Musik zu hören.
Khaled: Meine Erfahrung von Konzerten ist so, da kommen die Europäer manchmal und sagen, die Anfänge deiner Songs sind schön! Europäer mochten das. Aber ich wußte nicht, daß sie das auch auf einem Album mögen.
MZ: Das ist doch wunderbar. Du singst aus dem Bauch heraus, wie du fühlst.
Khaled: [Martin] weiß, daß das Jazz ist, Raï ist wie Blues. Er weiß, dass man fühlt, was gesungen wird. Aber wenn es ums Geschäft geht, dann muß man auch den Blues im Takt spielen. 
Martina Zimmermann: Das Album heißt „Freiheit“, und genau darum ging es damals ab den 70er Jahren, der Raï war ein Schrei, der Durst nach Freiheit, die du in deinem jugendlichen Alter besungen hast! „Zabana“ war der erste Titel, der im algerischen Radio gespielt wurde, in der Version von Raina Rai. Das hat mir der [bekanne algerische Radio -und TV] Journalist Aziz Smati mal erzählt, der den Song aufgelegt hatte. Du hast auf deinem neuen Album die Originalversion genommen.
Khaled: Du kennst Blaoui Houari, der hat mir den Titel gegeben. Er war ein Kumpel von Zabana.
MZ Dem Unabhängigkeitskämpfer.
Khaled: Sie waren gemeinsam im Gefängnis, Zabana wurde zum Tode verurteilt. Der andere war als Künstler angeklagt, die Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen, aber das war sein Kumpel, sein Freund. Deshalb hat man ihm das Lied gebracht. Ein Kabyle hatte den Text geschrieben! Von Ost nach West [in Algerien]! Ein Kabyle hatte den Text geschrieben und Houari machte die Musik dazu. Houari sagte, Raïna Rai sang das Lied nicht mit dem vollständigen Text. Wir haben das Lied gemeinsam mit Blaoui auf Hochzeiten gesungen, als wir jung waren, es war sehr beliebt. Auf dem Album ist der Sound besser, aber ich nahm die Melodie und den exakten Text von damals.
MZ: Ich rede von diesem Lied, um nach der Zeit zu fragen, als die Raïmusik zensiert wurde wegen der Texte. Zabana ist ein „Märtyrer“, und deshalb konnte Aziz Smati das spielen und seinem Chef sagen: Da geht es schließlich um einen Märtyrer!
Khaled: Wenn du über einen Märtyrer singst, können sie nichts sagen. Das ist klug. Er hat wirklich Recht, Aziz. Du kennst die Geschichte des Raï, der kam nicht im Radio. Wir waren scheinheilig und sangen schöne Texte, um im Fernsehen und im Radio zu kommen (lacht).
Martina Zimmermann: Rai war verboten. Wie siehst du das heute? Du kommst auf allen Kanälen, denkst du manchmal an die Zeit, als du deine Musik verteidigen mußtest?
Khaled: Ich lache immer noch darüber, daß ich heute Nummer eins bin. Die Leute streiten sich darum, eine Sendung mit mir machen zu dürfen (lacht), das bringt mich echt zum Lachen. Ich sage mir: Schau dir das an, gestern stand ich vor der Tür des algerischen Fernsehens wie ein Hund, ein Nichts. Und jetzt sagt der große Direktor: Bitte, kannst du was für uns machen, fühle dich bei uns wie zuhause. Darüber muss ich lachen, aber ich zeige es nicht. In meinem Innersten sage ich mir, ich habe es doch geschafft! Ich habe euch dran gekriegt. (ouel dik, auf algerisch benutzt er einen härteren Ausdruck).
MZ: Martin (Meissonnier) hat dir geholfen, aus Algerien heraus zu kommen, du hast gelitten für deine Musik! Damals träumten wir alle davon, dass der Raï ein Genre wird wie der Reggae. Ist diese Aufgabe für dich erfüllt?
Khaled: Ich vermeide den Ausdruck „zurück zu den Wurzeln“. Die Wurzeln kennen die Leute jetzt, dank der Journalisten, wenn du Rai sagst, haben die Leute von Oran und Rai und Khaled gehört. Sie kennen die Geschichte, Rai kommt sogar im Lexikon. Die Leute kennen also die Wurzeln. Was wollte ich mit diesem Album beweisen? Seine Identität! Ich wollte dem Rai einen Ausweis geben. Damit man weiß: So ist Rai, nicht, was Rachid singt, nicht, was ein Ägypter singt... die Leute verwechseln alles, Tunesier, Marokkaner.
...Rai kommt aus Nordafrika, aber er ist auch andalusisch, und der Ort ist Oran, nicht Algier, und nicht die Kabylei. Der Rai kommt aus dem Dreieck Oran und Oujda [in Marokko- an der Grenze] und Sidi Bel Abbes. Warum Oran? Weil Oran eine moderne Stadt ist. Der Rai stammt aus der Provinz um Sidi Bel Abbes und Oujda. All diese Beduinen kamen damals nach Oran, um sich zu amüsieren. Sie haben diese Musik nach Oran gebracht, weil da was los war. Da gab es Juden, da gab es Franzosen, da gab es Leben!
MZ: Und heute?
Khaled: Die jungen Leute können ... ein bißchen Geschäfte machen. Die Leute können davon leben und das nährt vor allem nicht den Terrorismus. Das harte Leben nährt den Faschisten. Wir haben es in Frankreich erlebt, als die Leute Le Pen wählten. Das machte Angst. Nicht alle Franzosen sind Rassisten, aber sie wollten einen Wandel. Wie die Leute bei mir in Algerien. Du warst in Oran und hast gesehen, jeder kann sich amüsieren und sich betrinken. Glaubst du, Ben Laden und andere werden aus uns ein fundamentalistisches Land machen? Nie im Leben, das werden sie nie schaffen! Die Franzosen haben uns nicht geschafft, die Türken nicht, und ein kleines Arschloch soll unser Bled [Dorf, Land, Heimat] fundamentalistisch machen! Selbst die islamischen Terroristen haben Oran nicht angerührt, sie können das nicht, wir haben mit der Muttermilch Whisky, Ricard und Anisette getrunken (lacht sich kaputt). Man kann eine solche Welt nicht ändern. Und doch haben 99 Prozent für den FIS [die Fundamentalisten] gestimmt!
MZ: Das ist schon ein Weilchen her (1991). Algerien ist heute nicht mehr so.
Khaled: Weil ein kleiner Kluger gekommen ist, der drei Zentimeter größer ist als Napoleon, er heißt Herr Bouteflika, und ich erweise ihm die Ehre. Er hat das Leid der Jugend verstanden. Er hat das Leid dieses Landes verstanden. Er hat begriffen, daß er die Wirtschaft privatisieren mußte. Früher gab es nicht mal Bremsscheiben in diesem verdammten Land, obwohl es reich war! Es gab keine Ananas, obwohl Afrika nebenan ist. Bananen gab es nicht, obwohl sie nebenan billig wachsen. Nichts. In einem Land, das Milliarden hat [an Erdöl]!
MZ: Heute gibt es alles, aber nicht für jeden, nicht jeder kann sich die Waren leisten.
Khaled: Was jetzt besser ist: Wenn du Geld hast, kannst du auch leben. Wenn du keines hast... wir sind wie Brasilien geworden, es gibt Favelas. Zum Glück gibt es bei uns keine Entführungen. ... Früher hatten wir nur zwei oder drei Hotels. Heute gibt es jede Menge Hotels, und super gute. Und man fragt dich nicht nach der Heiratsurkunde, wenn du mit einem Mädchen ankommst! Früher gab es zu viele Verbote. Wenn ein junger Mann Hand in Hand mit seiner Freundin gehen wollte, wurde er geschlagen oder ins Gefängnis gesteckt. Warum? Was hat er schlimmes getan? Aus diesem Grund fanden die Faschisten bei uns ein günstiges Terrain.
MZ: In deinem Rai geht es um diese Freiheit. Das hoffen wir. Eine letzte Frage: Keine Skandale mehr, keine Exzesse, kein Rock´n Roll?
Khaled: Ooohh doch! (lacht) Aber heimlich (lacht sich kaputt).
Martina Zimmermann: Da bin ich aber froh.
Khaled: Weißt du, ich bin schon lange nicht mehr ausgegangen, und wenn, dann nur diskret, nicht wie früher. Weißt du warum? Es gibt keine Parties mehr wie in den 80er und frühen 90er Jahren. In Frankreich hat sich vieles geändert. Paris war besser als Las Vegas! Entschuldigung, heute wurde es wie Eckmühl in den 80er Jahren! Heute ist Eckmühl besser als Paris, sage ich dir (lacht). Du warst in Algerien, in Marokko, hast die Leute befragt, du weißt, was die jungen Leute dort wollen. Sie wollen frei leben, sie wollen tun, wozu sie Lust haben. Diese Botschaft wollte ich bringen, diese Botschaft bringe ich und ich werde sie noch auf meinem Totenbett bringen.
Der Produzent, Journalist und Musiker Martin Meissonnier: Khaled war in den Jahren 1983 bis 1985 eine Legende im algerischen Milieu in Paris. Es gab Kassetten, die wurden in Barbès [im afrikanischen Viertel] verkauft, das war der Hit. Ich hatte ihn bei einem Kumpel gehört und sagte mir, es gibt nicht 50 solche Stimmen. Ich stieg ins Flugzeug nach Algerien, um ihn zu sehen. Denn keiner konnte mir Auskunft geben, deshalb versuchte ich, ihn direkt zu treffen, um zu sehen, ob wir etwas gemeinsam machen konnten. Ich war in diese Stimme verliebt.
Ich habe ihn dann in Oran getroffen, er sang damals auf Hochzeiten und machte Kassetten, die sehr schnell an einem Nachmittag aufgenommen und gleich verkauft wurden. Er war sehr sympathisch, und er hatte ein Problem mit den Papieren, weil er seinen Militärdienst nicht geleistet hatte und konnte deshalb nicht nach Frankreich kommen. Das Regime war damals noch recht hart, der Raï war verboten im Radio und im Fernsehen. Das war ein Phänomen des Underground. Ich habe dann ein Festival in Bobigny [im Pariser Vorort, 1986] organisiert, und wir haben Kulturminister Jack Lang um Hilfe gebeten, um Khaled aus Algerien heraus zu kriegen. Wir haben das Festival organisiert, Khaled war dabei, aber auch alle anderen Raisänger, Mami, Sahraoui, Fadela, Hamid, Raïna Rai und alle.
Martina Zimmermann: Die Intros, das Akkordeon und der Gesang von Khaled und die Auswahl einiger bekannter Lieder erwecken den Eindruck, das ist Rai wie früher, „à l´ancienne“.
Martin Meissonnier: Wir haben ein Repertoire genommen mit der ganzen Palette dessen, was er kann, marokkanisch, berberisch, und puren Rai, um eine vielseitiges Album zu machen. Ich denke, das ist gelungen. Ich wollte auch zeigen, wie diese Musik klingen kann. Khaled hat die beste Band, er ist wirklich die Essenz, er ist im Zentrum dieser Musik, er ist der Beste, ich wollte sein Talent nutzen. Er ist ein unglaublicher Orchesterchef. Musikalisch ist er extrem stark. Das wollte ich nutzen, damit man spüren kann, wie diese Stimme die Band mitzieht und nicht umgekehrt.






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